Novemberschokolade

von Ulrike Sosnitza, erschienen Oktober 2016 im Heyne Verlag, Taschenbuch, 368 Seiten, ISBN 978-3-453-35906-2

 

 

Was passiert, wenn eine ehemalige Bibliothekarin, welche sich selbst als „seit frühester Jugend schokoladensüchtig“ bezeichnet, ein Buch schreibt? Nun, wir LeserInnen werden in einen Roman mitgenommen, bei welchem man an manchen Stellen wirklich bedauert, dass es kein „Duft- und Geschmacksbuch“ ist...

 

Ulrike Sosnitza beschreibt ihre Protagonistin Lea Winter, welche aus einer Chocolatier-Familie kommt und selbst in Würzburg eine kleine, aber feine Chocolaterie betreibt, sehr emotional: als Kind hat sie ihren Vater verloren, wurde von der Mutter verlassen und wuchs bei den Großeltern auf. Ihr Geruchs- und Geschmackssinn begleitet sie als ihre wichtigsten Sinne im Alltag – sei es beim Schokoladenherstellen, beim Spaziergang oder an der U-Bahnhaltestelle. Und so erscheint sie uns LeserInnen manchmal ein wenig verträumt oder irrational, denn obwohl sie ihre Wohnung verliert, ihr die Kündigung für den Laden ins Haus flattert, sie fast an der Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen und sich selbst zerbricht – also ein sehr turbulentes Leben lebt – kommt sie immer wieder durch die Düfte um sich herum zur Ruhe bzw. „inneren Mitte“... bis ihr ein junger Mann begegnet, der ihre Welt völlig auf den Kopf stellt.

 

Ist der Roman denn eine Liebesgeschichte? Ja – auch! Aber es geht in „Novemberschokolade“ zudem um die verloren geglaubte Mutter Leas, das erneute Kennenlernen von Mutter und Tochter, den Irrwegen durch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftswünsche... dabei schafft es die Autorin in ihrem Erstlingswerk mit beachtlicher Gewandheit, die jeweiligen Gefühle so in Worte und auch das entsprechende Lesetempo zu packen, dass man fast das Gefühl hat, man steht neben Lea und bekommt alles hautnah mit. Mir ging es zeitweise so, dass ich jedes Wort einzeln und deutlich gelesen habe... fast wie eine bewußte Verzögerung, damit das Gelesene besonders tief ankommt – mal flog ich quasi über die Seiten hinweg und konnte es nicht erwarten, was demnächst passiert. Gut gemacht, liebe Ulrike Sosnitza!

 

Und neben Gerüchen und verschiedenen Schokoladengeschmacksrichtungen gab es auch immer ein paar Irrwegen, auf welchen ich mich als Leserin befand: in welcher Beziehung stand die Sekretärin zu Alessandro? Hat Leas Mutter ihren Mann wirklich geliebt? Ist sie oberflächlich und so der totale Kontrast zur Tochter? Fragen, die erst im Laufe des Romans gelöst werden und so der Geschichte immer wieder eine überraschende Wendung geben. Daher als Tipp: bitte nicht das Ende zuerst lesen ;)

 

Und ja, es ist von Vorteil, wenn man zumindest Schokolade nicht abgeneigt ist und sich für mehr als die Discounterschoki interessiert, denn die Autorin verliert sich immer wieder in der Herstellung, den Düften, Farben und Qualitäten rund um die süße Verführung... kein Wunder, hat sie doch zur Vorbereitung des Romans selbst ein Pralinenseminar besucht, um die Arbeit des Chocolatiers besonders gut darstellen und auch wertschätzen zu können. In mir ist jedenfalls auch die Lust auf ein solches Seminar gewachsen ;)

 

Auf jeden Fall hat mir der Roman gut gefallen – manchmal wünschte ich mir noch ein bisschen mehr Ausarbeitung der Erzählstränge (was ist denn eigentlich mit dem Kunstwerk passiert, welches sie in München erstellt hat?) - aber ich mag euch dieses Erstlingswerk wirklich sehr ans Herz legen und wünsche euch viel Freude beim Lesen mit „süßen Schoko-Kopfkino“, bei dem einem manchmal das Wasser im Mund zusammenläuft.

 

 

 

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© Kathrin Nievelstein - Hinweis: Bei allen Berichten handelt es sich um die subjektive Meinung der Autorin. Diese stellen keine objektive Berichterstattung dar. Daher ohne Gewähr.