Libellenschwestern (Original: Before we were yours)

Roman von Lisa Wingate, erschienen März 2018 im Limes Verlag, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 480 Seiten, ISBN 978-3-8090-2690-7

 

Inspiriert von einer wahren Geschichte erzählt die amerikanische Autorin mehrerer preisgekrönter Romane von dem Leben zweier Frauen, die scheinbar nichts gemeinsam haben: Avery Stafford, eine junge Anwältin, steht ihrem Vater bei seinen politischen Geschäften zur Seite. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und kommt bei ihrer Arbeit als „Tochter des Senators“ eines Tages mit der 90-jährigen May Crandall in Berührung, die ihr Libellenarmband wiedererkennt und ein Foto ihrer Großmutter besitzt. Nach anfänglichem Zögern nimmt die Neugier Überhand und Avery beginnt mit den Recherchen rund um das Familienerbstück, welches sie von ihrer Großmutter bekommen hat, die nun in einem gehobenen Seniorenheim lebt und an Demenz erkrankt ist.

 

Der zweite Erzählstrang führt uns mehr als 70 Jahre zurück zu der jungen Rill Foss, die mit ihren Eltern und 4 Geschwistern als „Fluss-Zigeuner“ in einem Hausboot auf dem Mississippi lebt. Als die Eltern aufgrund einer schweren Geburt ins Krankenhaus mussten, werden die Geschwister von Spähern der Tennessee Children`s Home Society entführt und in ein Waisenhaus gebracht. Dieses wird von Georgia Tann verwaltet, welche sich zwischen 1920 und 1950 einen Namen als Expertin für Kinderschutz gemacht hat.

 

Und hier beginnt nun Fiktion und Realität in ergreifender und unvergesslicher Weise ineinander zu laufen: Wir erleben den schrecklichen Alltag von Rill, ihren Geschwistern und den anderen Kindern im Kinderheim, lesen von einer tyrannischen Leiterin der Zweigstelle, grausamen Erziehungsmethoden und „gesäuberten“ Kindern für die finanzkräftige Klientel & Außenwelt, wir erfahren von Misshandlungen der Seele und des Körpers, Bestechungsbonbons und Betreuerinnen, die ihren Mut zur Hilfe mit einschneidenden Erlebnissen in ihre eigenes Leben bezahlen müssen... und wir begleiten eine starke und doch oft zu hilflose Rill, die ihrem Versprechen, auf ihre Geschwister aufzupassen, nicht immer gerecht werden kann.

 

Nach und nach verbinden sich diese beiden Geschichtsstränge zu einem Ende, wenngleich es auch kein wahres Happy End sein kann. Es gibt nur wenige Momente zum Durchatmen; den Faden verliert man allerdings auch durch romantische Erzählungen wie die zarte Annäherungen in der heutigen Geschichte nicht, denn die Bilder, welche durch klare, anschauliche Worte der Autorin mit einer gekonnten Mischung aus fiktiven Bildern und klaren Fakten geschaffen wurden, brennen sich einem förmlich ein.

 

Ich muss ehrlich gestehen, dass mich dieses Buch sehr mitgenommen hat... schon beim Lesen musste ich immer wieder Pausen einlegen und auch zum Ende hin gab es für mich keinen Abschluss – das Thema hat mich weiter beschäftigt und so habe ich u.a. die Hintergründe „Die wahre Geschichte zu den Libellenschwestern“ (Link zu externer Seite) und weitere Fotos/Erzählungen im www gelesen. Selten hat mich ein Buch so lange gefesselt und gepackt.

 

„Den Hunderten gewidmet, die verschwanden, und den Tausenden, denen dieses Schicksal erspart blieb. Mögen eure Geschichten niemals in Vergessenheit geraten.

 

All jenen, die Waisenkindern helfen, ein Zuhause zu finden. Ich wünsche euch, dass ihr euch stets dessen bewusst seid, wie wertvoll eure Arbeit und eure liebevolle Hingabe sind“ (Zitat Buchanfang)

 

Dieses Zitat bringt meinen Eindruck auf den Punkt: einerseits wird die Geschichte von Rill und ihren Schwestern erzählt, ihre anfängliche Hoffnung auf Rückkehr, das Erkennen des Tatsächlichen, der Versuch des Ausbrechens, das Zerbrechen an der Gewalt und dem System bis hin zur Adoption; andererseits auch indirekter Wink, das Humane im gemeinsamen Tun mit Waisenkindern nie zu vernachlässigen und zu erkennen, wie wichtig diese „Arbeit“ mit den Kindern ist.

 

Finanzielle Interessen gehört hierbei nie dazu und dies trägt die Autorin sehr eindrücklich vor, indem sie geschickt Negativbeispiele (die im übrigen tatsächlich so geschehen sind)schildert: „süße, blonde“ Kinder werde gewaschen und herausgeputzt für eine Weihnachtsaktion, bei der „blonde Engel als echtes, lebendiges Weihnachtsgeschenk“ beworben oder auf Adoptionspartys herumgereicht werden. Verschachert für horrende Preise, manchmal sogar mehrfach zu bezahlen... Menschenhandel in einer Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

 

 

Der Roman ist meines Erachtens zu Recht ein Bestseller in den USA. Ich muss auch zugeben, dass mir sowohl Buchcover als auch Titel der amerikanischen Version deutlich besser gefallen als der Schutzumschlag und Titel für den deutschen Markt. Aber das ist ja Geschmackssache ;) Auf jeden Fall empfehle ich das Buch wirklich sehr gerne weiter: es fesselt und unterhält, es lässt einen den Atmen anhalten und Gänsehaut bekommen, aber der Knoten im Bauch löst sich auch wieder auf – nun, jedenfalls bis die Neugier siegt und man weiter recherchiert. Eine absolute Buchempfehlung, wenn ich euch auch nicht „viel Freude“, sondern lieber unterhaltsam-packende Lesemomente wünschen möchte.

 

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© Kathrin Nievelstein - Hinweis: Bei allen Berichten handelt es sich um die subjektive Meinung der Autorin. Diese stellen keine objektive Berichterstattung dar. Daher ohne Gewähr.