Mehr als tausend Worte

Roman von Lilli Beck, erschienen März 2019 im Blanvalet Verlag, Hardcover/Schutzumschlag, 496 Seiten, ISBN 978-3764506506

 

 

„Vergiss nie, dass ich dich über alles liebe“... Diese Zeile des Romans (und Umschlagtextes) passt meines Erachtens perfekt zu dem neusten Historienroman der in München lebenden Autorin Lilli Beck.

 

In ihrem Roman geht es um Familie, die erste Liebe und das Überleben im zweiten Weltkrieg; es geht um Kindertransporte nach London und was die Kinder dort als Flüchtlinge erleben. Und über all den ernsten Themen steht die Zuneigung und Liebe.

 

Aliza, ein Mädchen im Teenageralter und Tochter des jüdischen Arztes Samuel Landau, erlebt in Berlin gerade die erste Liebe mit Fabian, dem Sohn eines Parfümerie-Geschäftsinhabers, als sie Ende 1938 miterleben muss, wie zuerst ihr Großvater von der Gestapo gefangen genommen wird und dann ihre Familie nach und nach durch die Machenschaften des Blockwarts Karoschke alles Hab und Gut verliert. Das Mädchen wird wenige Tage vor ihrem siebzehnten Geburtstag mit einem Kindertransport, welcher von jüdischen Engländern organisiert wurde, und gegen ihren Willen nach London gebracht, wo sie zuerst in einer Pflegefamilie lebt, sich dann aber mit Aushilfsjobs über Wasser halten muss. In dieser Zeit schließt sie Freundschaft mit Mizzi, einer talentierten jungen und modeaffinen Schneiderin. Und als sie glaubt, alles ist verloren, bekommt sie eine Anstellung bei einem alleinstehenden Adeligen, der im dritten Teil des Romans eine wichtige Rolle spielen wird.

 

Ja, der Roman ist in drei Teile aufgeteilt: Teil 1 handelt von Aliza im behüteten Zuhause in Berlin; in Teil 2 begleiten wir sie durch die harte Zeit in London und mit Teil 3 beginnt die Hoffnung auf ein Happy End. Nicht erst durch den Besuch im zerstörten Berlin ändert sich hier die düstere Stimmung, die meines Erachtens den Mittelteil bestimmt hat. Diese Stimmungsänderungen zeigen auch den geschickten Umgang der Autorin mit dem Instrument Sprache: sie schreibt klar und ohne Schnörkel, kann aber wunderbar Bilder und Stimmungen im Kopf der LeserIn entstehen lassen. Dies hat mir übrigens schon im vorherigen Roman „Wie der Wind und das Meer“ gefallen.

 

Immer dabei ist Fabian, ob real, mit Briefen oder in Gedanken. Seine Liebe ist quasi der Motor für Aliza und der rote Faden durch den ganzen Roman mit einem recht überraschenden Ende. Wobei ich ehrlich zugeben muss, dass ich bei Lesen des letzten Teils auch ein wenig das Gefühl hatte, die Geschichte setzt mit zunehmenden Tempo zum Endspurt an und das geht zu Lasten der Ausarbeitung diverser Infos, welche Aliza z.B. über die Deportation ihrer Eltern erhält. Am Ende scheinen solche – meines Erachtens durch den ersten Teil des Buches als wichtig herausgearbeitete – Tatsachen nicht mehr wirklich relevant zu sein. Und auch die Auflösung der Beziehung von Mizzi & Aliza (bestimmend für Teil 2) und weiteren Protagonisten wird letztendlich eher überflogen – sehr schade! Denn ich hätte gerne noch etwas mehr darüber gelesen... auch, damit die Geschichte bis zum Ende wirklich rund und abgeschlossen auf mich wirkt.

 

Apropos rund: ein wenig hat mich die Gestaltung des Schutzumschlags irritiert und ich muss zugeben, aufgrund der Gestaltung hätte ich wohl das Buch nicht gekauft. Es ist eine s/w-Fotografie eines jungen Pärchens vor einer leicht hügeligen Landschaft: eine Hommage an das Pärchen, welches Lilli Beck zu dem Roman inspiriert hat? Eine Verbindung zu Aliza und Fabian oder zu Alizas Zeit in England? Nun, ich habe wegen der Autorin zu dem Buch gegriffen... aber leider konnte sie mir beim Lesen das Cover nicht „erklären“.

 

Trotz aller kritischen Anmerkungen ist „Mehr als tausend Worte“ ein lesenswerter Roman mit vielen Informationen zur Zeit der Kindertransporte nach London, zur Zeit der Widerstände gegen diese Kinder in England und eine geschichtliche Aufarbeitung, wie man es von Lilli Beck schon aus den vorherigen Roman gewöhnt ist. Für mich ein starkes Buch mit leicht schwachem Abgang... aber eine absolute Leseempfehlung für alle, die Romane aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs mögen.

 

 

 

 

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© Kathrin Nievelstein - Hinweis: Bei allen Berichten handelt es sich um die subjektive Meinung der Autorin. Diese stellen keine objektive Berichterstattung dar. Daher ohne Gewähr.